Politik am Grill: Zwei Abende, sechs Politiker*innen, jede Menge heiße Themen
Zwei Sommerabende, zwei Berliner Orte, sechs Politiker*innen und knapp 100 Menschen, die mitdiskutiert haben: Mit „Politik am Grill" haben wir im Juli ein neues Veranstaltungsformat ausprobiert. Die Idee dahinter ist einfach: statt klassischer Podiumsdiskussion ein offenes Gespräch auf Augenhöhe zwischen Kandidat*innen für das Berliner Abgeordnetenhaus und Bürger*innen. „Bewaffnet“ mit Grillzange und Mikrofon ging es für die Politiker*innen an den Grill und heiß war nicht nur der Grill, sondern auch die Fragen und Beiträge aus dem Publikum.
Wenn das Wetter mitdiskutiert
Beim Auftakt am 23. Juli am Ostkreuz fiel der Start erst einmal buchstäblich ins Wasser. Der fachliche Input von Prof. Dr. Andreas Knie (WZB) fand kurzerhand unter einem großen Zeltdach statt, während einige Freiwillige dem Regen trotzten und die Grills am Laufen hielten. Zum Glück kam dann doch noch die Sonne und die Politiker*innen konnten die Grills übernehmen. Auch ein kurzer Schauer mitten in der Diskussion tat der Stimmung keinen Abbruch mehr, im Gegenteil: Zum Abschluss spannte sich ein Regenbogen über die Runde.
Eine Woche später, beim zweiten Termin im KARLA-Garten am Haus der Statistik, war vom Regen nichts mehr zu spüren und es war so heiß, dass wir den Platz etwas wässern mussten, um für ein bisschen Abkühlung zu sorgen. Kühle Getränke und der Schatten der Bäume machten den Abend einigermaßen erträglich, aber die Politiker*innen an den Grills kamen gleich dreifach ins Schwitzen: wegen der Hitze, wegen der heißen Grills und wegen der heißen Fragen.
Viel Konsens für die Mobilitätswende
Den Auftakt am Ostkreuz machte das Thema Mobilität, mit Werner Graf (Grüne), Tino Schopf (SPD) und Antonio Leonhardt (Die Linke). Prof. Dr. Andreas Knie lieferte zum Einstieg Fakten: Nur rund ein Fünftel der Wege in Berlin wird mit dem Auto zurückgelegt, das aber beansprucht den Großteil der Fläche. Sein Plädoyer: ein Moratorium für den Straßenbau, konsequente Parkraumbewirtschaftung und deutlich bessere Bedingungen fürs Rad, dessen Anteil sich mit passender Infrastruktur verdoppeln ließe.
In der anschließenden Debatte zeigte sich schnell: Die drei Kandidaten liegen bei den großen Linien gar nicht so weit auseinander. Stärkung des Umweltverbunds, Ausbau des Radverkehrs, Unterstützung für Kiezblocks, Ablehnung der geplanten Autobahn A100 und der Tangentialverbindung Ost (TVO): Bei diesen Punkten gab es breite Einigkeit. Bemerkenswert dabei, dass auch die SPD, die in Berlin aktuell mit der CDU regiert, bei mehreren Vorhaben ihres Koalitionspartners klar auf Distanz ging. (Die CDU war eingeladen, aber leider hatte keine*r der Kandidat*innen Zeit.)
Unterschiede gab es vor allem bei den Schwerpunkten: Werner Graf betonte die konsequente Rückabwicklung der zurückgedrehten Mobilitätsgesetz-Reform und den Vorrang für die Schiene. Antonio Leonhardt rückte die Einklagbarkeit von Radwegen und die soziale Frage in den Vordergrund, den Straßenraum gerechter zu verteilen. Tino Schopf setzte auf pragmatisches „Mitnehmen der Bürger*innen" und wurde mit der Forderung nach höheren Beiträgen fürs Anwohnerparken konkret. Für eine progressivere Verkehrspolitik, so der Eindruck des Abends, gäbe es in Berlin durchaus eine politische Mehrheit.
Heiße Diskussion zur Wärmewende
Beim zweiten Termin im KARLA-Garten ging es mit Michael Efler (Die Linke), Wiebke Neumann (SPD) und Andreas Kraus (Staatssekretär, für die CDU) um die Wärmewende. Nach einem Input von Dr. Solvejg Nasert (Wärmewende Friedenau) waren sich alle drei beim Grundsatz einig: Es muss etwas passieren und der Weg führt weg von fossilen Energien. Kontroverser wurde die Debatte bei der Frage, wer die Wärmewende bezahlt und wie Mieter*innen dabei geschützt werden, bis hin zur Frage, ob und wie sehr der erfolgreiche Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co enteignen" beim Mieter*innenschutz und bei schnelleren Sanierungen helfen kann.
Heiß diskutiert wurde auch die Frage, ob ein zentrales Fernwärmenetz mit erneuerbaren Energien betrieben werden kann oder ob es dafür Nahwärmenetze mit geringeren Temperaturen braucht. Insbesondere aus dem Publikum kam die deutliche Forderung, die Gründung und den Aufbau von lokalen Nahwärmenetz-Genossenschaften etc. zu vereinfachen und durch mehr Beratung und finanzielle Förderung zu unterstützen.
Wir brauchen mehr Mitbestimmung und Beteiligung
Beide Abende haben gezeigt: Wenn die Hürden sinken, entsteht Austausch. Die knapp 100 Menschen, die zu den beiden Terminen gekommen sind, wollten nicht nur zuhören, sondern mitreden. Und genau das ist auch unsere Forderung als Gesellschaft für Klima und Demokratie: Beteiligung und Mitbestimmung müssen fest und unabhängig vom Wahlkalender mitgedacht werden. Ob ein Bürgerrat Mobilität in Berlin, ein Beirat bei der Berliner Energie und Wärme (BEW) oder andere Formate der direkten Einbindung: Klimagerechte Politik gelingt dauerhaft nur, wenn Bürger*innen sie aktiv mitgestalten können.
Fazit: Ein Format, das verbindet
„Politik am Grill" ist ein ungewöhnliches Format, das die klassischen Rollen einer Podiumsdiskussion durchbricht. Statt harter Fronten gab es immer wieder Momente echter Kooperation, wenn zwei Kandidat*innen sich am Grill unterstützten. Die Hürde zwischen Publikum und Politik ist an beiden Abenden sichtbar gesunken, es gab viel Raum für Fragen und Beiträge aus dem Publikum und nebenbei kamen auch ein paar versteckte Grilltalente unter den Politiker*innen zum Vorschein. Das Feedback von Teilnehmenden und Politiker*innen war durchweg positiv und wir sind sicher, dass wir das Format wiederholen werden.
Bilder von der ersten Veranstaltung zu Mobilität & lebenswerte Kieze:
Bilder von der zweiten Veranstaltung zu Wärmewende:
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