Der erste Klima-Bürgerrat der Türkei

  16. Februar 2026 Aktuelles

Am 7. September 2025 hat Izmir einen Meilenstein gesetzt: Mit der ersten Sitzung der Izmir-Bürgerversammlung für Klima startete erstmals in der Türkei ein deliberatives Beteiligungsformat, bei dem zufällig ausgeloste Bürger*innen gemeinsam konkrete Antworten auf die Klimakrise entwickeln.

Im Fokus stehen die drängendsten lokalen Folgen des Klimawandels: Waldbrände, Dürren und die zunehmende Erwärmung des Meerwassers. Ziel ist es, nicht nur zu diskutieren, sondern umsetzbare Empfehlungen zu erarbeiten, die direkt in den Sustainable Energy and Climate Action Plan (SECAP) der Stadtverwaltung einfließen.

50 Bürger*innen, 5 Sitzungen, 1 klarer Auftrag

Insgesamt 50 ausgewählte Bürger*innen kamen zwischen September und Anfang November 2025 an fünf Sitzungstagen zusammen. Die Zusammensetzung folgte dem Losverfahren und bildete die gesellschaftliche Vielfalt Izmirs ab – ein zentrales Qualitätsmerkmal von Bürgerräten (Citizens’ Assemblies).

Der Auftrag war klar definiert: Maßnahmen entwickeln, die Klimaresilienz stärken, soziale Gerechtigkeit berücksichtigen und wissenschaftlich fundiert sind. Die Empfehlungen sollen verbindlich in den kommunalen Klimaschutzprozess integriert werden. Damit geht Izmir einen entscheidenden Schritt zu wirkungsorientierter Bürger*innenbeteiligung.

Mut zur Mitgestaltung

Zur Eröffnung richtete Bürgermeister Dr. Cemil Tugay einen klaren Appell an die Teilnehmenden: „Mein Rat an Sie lautet: Seien Sie mutig, entspannt und frei. Tun Sie, was getan werden muss. Der Erfolg der Bürgerversammlung wird den Weg für die Einrichtung neuer Bürgerversammlungen in der Türkei ebnen.“ Diese Aussage unterstreicht die politische Bedeutung des Prozesses: Die Klima-Bürgerrat ist nicht nur ein lokales Pilotprojekt, sondern ein Impuls für demokratische Innovationen im ganzen Land.

Konkrete Lösungen für Hitze, Wasser und Gesundheit

In den Arbeitsgruppen gab es Empfehlungen unter anderem zu:

  • Sicherung der Trinkwasserqualität und Schutz alternativer Wasserquellen
  • Regenwassernutzung und Grauwasserrecycling
  • naturbasierte Lösungen bei Küstenschutz
  • hitzeangepasster Stadtplanung
  • Schutz vulnerabler Gruppen sowie Stärkung von Gesundheitsinstitutionen
  • Bildungs- und Awareness-Programmen

Diese Themen spiegeln einen integrierten Ansatz wider: Klimaanpassung wird nicht isoliert betrachtet, sondern systemisch mit Gesundheit, sozialer Gerechtigkeit und Stadtentwicklung verknüpft.

Internationale Partnerschaften für lokale Wirkung

Der Klima-Bürgerrat ist eine Kooperation der Stadtverwaltung Izmir mit der YUVA-Vereinigung und der HUDOTO-Stiftung. Finanziert wird das Projekt durch die Europäische Union und unterstützt durch das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) im Rahmen seines Förderprogramms für Bürgerbeteiligung.

Zusätzliche fachliche Begleitung kommt von der Europäischen Klimastiftung und KNOCA. Dieser internationale Wissenstransfer stärkt die Qualität des Prozesses und zeigt, wie demokratische Innovationen grenzüberschreitend wirken können.

Demokratie als Schlüssel für wirksamen Klimaschutz

Der Bürgerrat macht deutlich: Klimaschutz gewinnt an Tiefe und Legitimität, wenn Bürger*innen nicht nur informiert, sondern aktiv in Entscheidungen eingebunden werden. Der direkte Anschluss an den Sustainable Energy and Climate Action Plan (SECAP) stellt sicher, dass die Beteiligung nicht symbolisch bleibt, sondern strukturelle Wirkung entfaltet.

Unsere Überzeugung ist klar: Klimapolitik braucht Demokratie – und Demokratie braucht Beteiligung, damit Menschen gemeinsam Lösungen entwickeln können. Izmir zeigt, wie dieser Anspruch in konkrete Praxis übersetzt wird.

Mit diesem ersten Klima-Bürgerrat betritt die Türkei demokratisches Neuland. Die kommenden Wochen werden zeigen, welche Empfehlungen den Weg für eine klimaresiliente, sozial gerechte Stadtentwicklung ebnen.

Website des Klima-Bürgerrats (Englisch)

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